Der mit dem Wolf tanzt

Ein Karate Seminar mit Wolf Herbert (6.Dan Shotokan, 2.Dan Taijiquan)

Karate Lehrgänge sind oft schweißtreibende Angelegenheiten mit endlosen Technikwiederholungen, angefeuert von den Kommandos „Schneller“, „Stärker“, „Mehr Kime“!

Nicht so dieses erfrischende Wochenend-Seminar bei unseren Karate-Freunden vom „Tessai Dojo“ in Gmünd, mit dem Karatemeister, Autor (u.a. „Von Shaolin bis Shotokan“) und Philosophie-Professor Dr. Wolfgang Herbert, unter dem Motto „ganzheitliche Karate Praxis“.

Der vorliegende Text ist einerseits ein Bericht zu diesem besonderen Karate Seminar, andererseits habe ich versucht, aus den Erkenntnissen daraus eine Analyse der Unterschiede von Wettkampf-Kata zu ganzheitlicher Kata zu erarbeiten.

Ergänzende Aspekte stammen aus vorhergehender Lektüre etlicher Fachartikel von Wolfgang Herbert; erwähnenswert hier auch der relativ neue Youtube-podcast von „Dr. Silverwolf“ über diverse, sehr interessante Kampfkunst-Themen.

Was ist eine Kata?

Jeder Karateka weiß (oder glaubt zu wissen), worum es bei einer Kata geht: aneinandergereihte Kampfsequenzen nach einem vorgefertigtem Schema, das Wort Kata bedeutet nämlich „Form“. Der Teufel steckt hier aber im Detail, da es vielfältigste Interpretationsmöglichkeiten bezüglich Ausführung, Intention und Bedeutung einer Kata gibt.

Für den Laien mögen Wettkampf-Kata und traditionelle Kata gleich erscheinen, jedoch trennen Welten diese beiden Ausführungen. Dabei wären die grundsätzlichen Ansprüche gar nicht so verschieden voneinander. Hier die Liste der Gemeinsamkeiten, welche auch so in den Bewertungskriterien der WKF (World Karate Federation) angeführt sind:

  • Genauigkeit der Techniken
  • Körperdynamik und  Bewegungsfluss
  • Stabilität und Gleichgewicht 
  • Kraft,  Schnellkraft und Schnelligkeit
  • Richtige Atmung
  • Spannung / Entspannung
  • Übergänge und Richtungsänderungen bzw. Wendungen
  • Rhythmus und Timing
  • Z A N S H I N (Wachsamkeit, Konzentration)
  • Bedeutung und Anwendung

Und hier noch WKF Kriterien, die meiner Meinung nach eher im Wettkampf Bedeutung haben und nicht so sehr bei traditioneller Interpretation von Kata:

  • ÄSTHETIK (im Spannungsfeld zu Bedeutung und Anwendung)
  • SCHWIERIGKEIT (betreffend der Einzeltechniken und Technikabfolgen)
  • GESAMTEINDRUCK (oft subjektiv bewertet, insbesondere betreffend Stil-Unterschieden)

Dazu ein Auszug aus dem WKF Regelment zur allgemeinen Erklärung der Bewertung einer Kata:

„Kata ist weder ein Tanz noch eine theatralische Vorführung. Die traditionellen Werte und Prinzipien müssen beachtet werden. Sie muss realistisch einen Kampf darstellen und Konzentration, Kraft sowie mögliche Wirksamkeit der Techniken zeigen. Sie muss Stärke, Kraft und Geschwindigkeit zeigen – ebenso wie Anmut, Rhythmus und Gleichgewicht.“

Jeder Karateka, ob Wettkampfsportler oder Traditionalist, wird dieser Erklärung vorbehaltlos zustimmen, jedoch sieht die Realität der Urteilsfindung bei Meisterschaften komplett anders aus. Ein hoher Karate Funktionär hat diesbezüglich einmal so nebenbei die Bemerkung fallen lassen: „Schiedsrichter sind halt auch nur Menschen und lassen sich leicht durch Äußerlichkeiten, Drama und Show beeinflussen!“

Kata einst und jetzt

Wenn man sich die historische Entstehungsgeschichte der Kata als eine Art Anleitung zum Verhalten in verschiedensten Verteidigungsszenarien ansieht, ergänzt um Kräftigungs- und Gesundheitsübungen, geht es genau um das Gegenteil von Show und Dramatik.

Nicht die schwierigste Technik führt zum Sieg bzw. verhilft zum Ausweg aus einer Kampfsituation, sondern die einfachste oder praktikabelste Handlung. Also z.B. nicht der höchste Kick, noch über Kopfhöhe hinaus, sondern der schnelle Tritt auf Knie oder in den Unterleib!

Das Leistungs- und Erfolgsdenken hat zum Teil aus einer Körper- und Geistesschulung eine akrobatisch-athletische Show gemacht. Wenn der Bewegungfluss zerstückelt wird, Dynamik und Schnellkraft übertrieben und Spannungsmomente und Rhythmus künstlich dramatisiert werden, geht die ursprüngliche Bedeutung größtenteils verloren.

Der Wettkampf hat ja als sportliches Ereignis durchaus seine Berechtigung – junge Top-Athleten können so ihre Leistungen zeigen und sich gegenseitig messen.

Aber allen Beteiligten, von den Trainern und Sportlern bis zu den Funktionären und Schiedsrichtern, sollte bewusst sein, dass der Meisterschaftsbetrieb nur einen kleinen Teil des Spektrums der Bedeutung von Karate abdeckt.

Dieser Text möchte die Unterschiede aufzeigen, damit jeder Karateka sich bewußter für seinen jeweiligen Weg entscheiden kann. Eine moderne Wettkampf-Kata ist Spitzensport von Top-Athleten, wo anders trainiert werden muss als im Breitensport oder im Sinne von Selbstverteidigung!

Meisterliche Trainingsmethodik

Und genau hier kommt der Wolf ins Spiel! Seine Vorstellungen über Karate-do sind die absolute Anti-These zum Wettkampfkarate, wobei er selbst auch sehr erfolgreich an Meisterschaften teilgenommen hat, sowohl in jungen Jahren als auch in schon fortgeschrittenerem Alter.

Als gereiftem Karatemeister geht es ihm mittlerweile nicht mehr so sehr um die schnellste oder stärkste Technik, sondern um das Verständnis der Bewegungsabläufe und der Bedeutung von Techniken.

Aus diesem Ansatz heraus beginnt Wolfgang Herbert das Training mit Lockerungsübungen, angelehnt an Taijiquan. Diese sollen die Verbindung aller Körperteile herstellen und die Organe in die richtige Stellung bringen. Dadurch wird auch die Blutzirkulation in alle Extremitäten angeregt und das Nervensystem stimuliert.

Nach dem Lockern erfolgt ein fließender Übergang zu einfachen Taiji-Übungen, wo mit ganz langsamer Ausführung Techniken als Ganzkörperbewegungen erfahren werden sollen.

Und daraus wird dann ein Karate gyaku-tsuki, der aber nicht in üblicher Shotokan-Manier so stark als möglich gestoßen werden soll, sondern vielmehr wie von selber aus der Körpermitte vorgeschleudert werden soll, mit nur kurzer Anspannung am Ende, damit man schnell wieder in eine entspannte Position zurückkehren kann.

Die Vorteile dieser Praxis sind, auch aus eigener Erfahrung, vielfältiger Natur. Einerseits kann man mehr Wiederholungen machen, ohne durch übermäßiges Anspannen schnell zu ermüden, und schont dabei die Gelenke.

Andererseits erkennt man neue Aspekte am Zusammenspiel der beteiligten Gliedmaßen: Von der Verwurzelung der Fußsohlen im Boden, über den Muskeleinsatz der Beine zusammen mit der Hüfte und dem Weiterleiten des Impulses über die Schulter in den Arm hinein.

Die Schulter wird im herkömmlichen Training generell vernachlässigt bzw. falsch eingesetzt. Das starre Fixieren schadet nicht nur den Gelenken, sondern man vergeudet auch zusätzliche Reichweite, die durch ein elastisches Vorschieben der Schulter möglich ist. Ausserdem ist der Schulterkomplex von starken Muskeln umgeben, die den Impuls für den Fauststoß verstärken können.

Erwähnt werden sollte hier auch noch, dass wir den tsuki in der Okinawa Ausführung gelernt haben. Das heißt, nicht wie im Shotokan üblich mit kompletter Armstreckung, sondern mit Ellbogen leicht gebeugt und nach innen gedreht. Dadurch wird das Ellbogengelenk geschont und die Torsion der Unterarm-Muskulatur sorgt für eine starke Spannung beim Auftreffen. Hiezu betont Sensei, dass dies auch die beste (oder zumindest eine) Version für das Makiwara Training darstellt.

Ebenfalls eine Besonderheit in der Ausführung ist der sogenannten „seiken-tsuki“, der mit doppeltem Hüfteinsatz ausgeführt wird. Dabei wird die Hüfte an der hikite Seite kurz entspannt, wobei sie leicht nach hinten kippt und dann von dort impulsiv nach vorne gestoßen wird. Besonderes Augenmerk sollte dabei auf die einheitliche Hüftbewegung in „einem“ schnellen Impuls gelegt werden, damit die eigentliche Entspannungsphase nicht zu einer Ausholbewegung mutiert. Also nicht Tempo 1 = Ausholen, Tempo 2 = Hüftdrehung nach vorne, sondern gefühlt in einem durchgehenden Tempo erfolgt die äußerst kurzzeitige Entspannung fast gleichzeitig mit dem Hüftimpuls nach vorne. Schwer zu erklären, besser vom Sensei vorzeigen lassen – also, falls Wolfgang Herbert bei seinem nächsten Österreich Aufenthalt wieder ein Karate Seminar abhält, unbedingt daran teilnehmen!

Damit kommen wir zum letzten und wichtigsten Teil jeder dieser Trainingseinheiten: Der KATA! Im Laufe des Wochenendes hat Wolf Herbert neben einigen Heian Kata vor allem drei höhere Shotokan Kata erklärt: Hangetsu, Sochin und Chinte!

Was für eine schöne Zusammenstellung! Mit Hangetsu haben wir im Shotokan die einzige Kata, wo die Stellung sowohl Oberschenkel Außen- als auch Innenspannung verlangt und wir Atemtechniken analog zu Taiji anwenden sollen.

Kata Sochin wiederum zählt zu den Kata mit der wahrscheinlich stärksten Verwurzelung im Boden und zeichnet sich durch einen schönen, durchgehenden Bewegungsfluss aus. Der Name ist Programm – „Ruhe und Kraft“!

Am letzten Tag dann Chinte, eine Kata mit vielen zirkulären Bewegungen, die einen Ursprung in Kung-Fu Stilen vermuten lassen. Gemeinsam sind allen drei Kata die mehrmaligen Wechsel zwischen Langsam/Schnell und zwischen Spannung/Entspannung.

Ganzheitliche Karate Praxis

Natürlich haben wir, wie bei einer üblichen Prüfungs- oder Wettkampfvorbereitung, wichtige Sequenzen zerlegt, detailliert analysiert und mehrmals wiederholt. Dabei stand aber nicht die Stärke der Technik oder die Länge der Stellungen im Vordergrund, sondern die Natürlichkeit und Ungezwungenheit der Bewegung.

Mit dieser Methode werden alle positiven Aspekte einer ganzheitlichen Kata zusammengeführt: Ohne Stakkato-artige Einlagen kann der Atem die ganze Kata über ruhig fließen, die Muskeln arbeiten in einem anregenden Wechsel von Spannung/Entspannung und ein fließender Rhythmus bringt den Karateka in den viel zitierten Zustand des „Flow“! Daher wird in traditionellen Karate-Kreisen das Üben von Kata auch als „Moving Zen“ bezeichnet.

Somit decken wir mit traditioneller Kata sowohl sportliche, gesundheitsfördernde Betätigung, als auch meditative Entspannungstechniken ab.

Des weiteren sei noch erwähnt, dass mit einer natürlichen, ungezwungenen Herangehensweise an die Kata-Sequenzen, ohne die übertriebene Athletisierung, sich auch mögliche Kampfanwendungen eher erschließen lassen. Oftmals sind die „bunkai“ Einlagen bei Meisterschaften mehr Show als Kampf, damit das Ganze möglichst dramatisch aussieht.

Da die Kata über lange Zeiträume nur mündlich überliefert wurden, haben sich Techniken und Abläufe geändert und damit auch die Bedeutungen. Aber bei bewusstem Kata Training, mit visualisiertem Gegner und Nicht-Festhalten an der starren Form, ergeben sich realistischere Anwendungsmöglichkeiten als üblicherweise praktiziert. Hier weiter einzugehen, würde allerdings den Rahmen sprengen und wäre Thema einer eigener Abhandlung.

Unabhängig von Anwendungsmöglichkeit, Muskeltraining, Meditation oder Show erzählt jede Kata eine eigene Geschichte. Dies ist nämlich mein letzter Punkt der Unterschiede von Wettkampf- zu traditioneller Kata: nämlich die Individualität! Jeder Mensch ist verschieden, sei es anatomisch in Bezug auf Körpergröße und Gewicht oder psychisch in Bezug auf Charakter und Temperament! Daher sehen Kata Darbietungen von alten Karate-Meistern auch sehr unterschiedlich aus. Hingegen wird im Wettkampftraining gezielt auf die erwünschte, optimale Form hin gearbeitet, wodurch am Ende die Performances austauschbar werden und sich nur mehr in Nuancen bezüglich Dynamik und Schnelligkeit unterscheiden.

Wie eine meisterliche Kata aussehen kann, davon konnten wir uns als jeweiligen Höhepunkt jedes Trainings überzeugen!

Am Ende jeder Einheit brachte nämlich der Wolf selber eine Kata als Tanz auf das Parkett – ein ruhiges Schweben über den Boden, mit Spannung und Entspannung im richtigen Moment und als durchgehenden Fluss von Anfang bis Ende. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Kata Sochin, auch weil sie zu meinen Lieblings-Kata zählt. Die Beschreibung dazu überlasse ich den Worten aus dem Panther Gedicht von Rainer Maria Rilke, wenn auch in leicht abgewandelter Form:

„Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der gelöst ein großer Meister steht.“