Karate Flow Teil 4 – Ursprung und Weiterentwicklung

Wie im Fluss des Zeitenstromes der Kampf sich zur Kunst wandelte, oder doch die Kunst zum Kampf…?

Karate, diese faszinierende Kunst der (waffenlosen) Selbstverteidigung und persönlichen Entwicklung, hat im Laufe der Jahrhunderte eine reiche Geschichte durchlaufen. Ihr Ursprung liegt tief verwurzelt in den Lehren, Religionen und Kulturen des alten Asiens, beginnend in Indien und China, später in die heute bekannte Form transformiert, insbesondere auf der Insel Okinawa und in weiterer Folge in Japan.

In diesem vierten Teil unserer Reise durch den Karate Flow werfen wir einen genaueren Blick auf den Ursprung und die faszinierende Weiterentwicklung dieser Kampfkunst.

Karate – von China über Okinawa nach Japan

Allein in den letzten 150 Jahren zeigen sich in der Entwicklung des modernen Karate verschiedene Änderungsperioden.

In seinem wunderbaren neuen Buch „Von Shaolin bis Shotokan“ beschreibt der in Japan lebende und lehrende Kulturanthropologe (und 6.Dan Karate) Dr. Wolfgang Herbert fünf Phasen der Karate Metamorphose:

Phase 1 – Indigenisierung auf Okinawa: Durch wirtschaftlichen und kulturellen Austausch mit dem chinesischen Festland vermischten sich von dort stammende Kampfkünste mit einheimischen Elementen, woraus sich eine eigene Selbstverteidigungskunst entwickelte.

Phase 2 – Pädagogisierung: Die Meister/Schüler Wissensvermittlung wurde institutionalisiert und wich einer schulischen Leibesertüchtigung mit paramilitärischen, disziplinären Aspekten. Dabei wurde viele Techniken vereinfacht und „entschärft“, altes Wissen ging verloren.

Phase 3 – Japanisierung: Mit der Einführung von Karate auf den japanischen Hauptinseln in den 1920er und 30er Jahren wurde Name und Philosophie aufgrund des ultranationalistischen Klimas an japanische Ideologien angepasst (z.B. Umbenennung bzw. Um-Interpretation der Schriftzeichen „Kara-te“ von „chinesisches Boxen“ zu „leere Hand“). Damit einhergehend wurde auch das Üben mit chinesischen bzw. okinawesischen Waffen wie Sai oder Nunchaku aus dem Karate entfernt.

Phase 4 – Internationalisierung: Insbesondere durch den „missionarischen“ Eifer der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten JKA (Japan Karate Association) wurden viele erfolgreiche Karateka aus dem neu geschaffenen „Instructor Class“ Programm in alle Welt entsendet, um dort Niederlassungen zu gründen. Einer der ersten Absolventen war Karate Legende Kanazawa Hirokazu, der zunächst als JKA-Repräsentant nach Hawaii geschickt wurde. Nach erfolgreichem Aufbau der dortigen Karate Niederlassungen folgten unzählige Stationen, unter anderem England, Deutschland und auch Österreich.

Phase 5 – Olympisierung: Die Unterscheidung zwischen Wettkampf- und Nicht-Wettkampf Karate (letzteres oft als „traditionelles oder Selbstverteidigungs-Karate beschrieben) gibt es schon seit den 1970er Jahren. Dabei geht es bei ersterem um Wertungstechniken und bei zweiterem um Wirkungstechniken.

Mit der Teilnahme an Olympia 2020 in Tokyo erfolgte der letzte große Schwung an Versportlichung von Karate. Sowohl Kumite als auch Kata Bewerbe sind geprägt von unglaublicher Athletik, Dynamik und Akrobatik, welche sehr großen diesbezüglichen Trainingsaufwand erfordern.

Dabei bleiben dann aber, weil in der sportlichen Auseinandersetzung nicht zielführend, andere Aspekte wie Selbstverteidigung, Gesundheitsmethode und Charakterschule im Hintergrund.

Karate – spezialisiert oder ganzheitlich

Die Unterscheidung zwischen Sportkarate und Traditionellem Karate sorgt seit langem für hitzige Diskussionen beider Lager.

Wobei schon die Terminologien erklärungsbedürftig sind!

Wiki definiert Sport wie folgt: „Sport sind verschiedene Aktivitäten des Menschen, die meist, aber nicht ausschließlich, im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten stehen. Sie haben häufig einen Spiel- und Wettkampf-Charakter, wobei das Erreichen von Zielen elementar ist.“

Nun, Zielerreichung ist mittlerweile wohl auch ein Teil von traditionellem Karate, z.B. das Erlernen bestimmter Kata oder die üblichen Gürtelprüfungen etc. – wobei ursprünglich die Sache selbst über den Zielen stand (Der Weg ist das Ziel!).

Am deutlichsten definiert sich Sportkarate wohl über die Ausübung von Wettkämpfen, bzw. der Hauptschwerpunkt auf diese, da es auch im traditionellen Karate Wettbewerbe gibt.

Aber, außer der Abgrenzung zum Sportkarate, wie kann man traditionelles Karate sonst definieren? Ist es (in Bezug auf Shotokan) das Karate der JKA, welches ich über 30 Jahre lang gelernt und praktiziert habe? Oder ist „echtes“ traditionelles Karate nur die noch in Teilen auf Okinawa praktizierte Form? Oder ist auch das nicht wirklich traditionell, weil z.B. schon Itosu Anko (Lehrer von Funakoshi) die ursprünglichen Formen entschärft hat, um ein schultaugliches Karate zur Körperertüchtigung von jungen Menschen einsetzen zu können.

Zum generellen Verständnis von „Karate“ trägt sicherlich das Praktizieren von anderen Kampfkünsten, bzw. auch das Kennenlernen von anderen Karate-Stilrichtungen bei. Gerade für mich als langjährigen Shotokan Praktikanten stellt hin und wieder ein Goju-ryu Training (z.B. bei Ogawa sensei) eine willkommene Abwechslung mit neuen Erfahrungen dar.

Und egal ob Boxen, Kungfu, Jiu Jitsu oder auch Yoga und Taiji – es gibt unzählige Parallelen in den Kampfkünsten, obwohl sich einige davon unabhängig voneinander entwickelt haben. Die grundlegenden Prinzipien sind immer gleich: Ganzkörperbewegungen sind stärker, optimierte Atmung versorgt die Muskeln mit Sauerstoff und reguliert die Körperspannung, exakte Technik erleichtert Zielgenauigkeit und steigert Effizienz bzw. Wirkung.

Nach vielen Jahren recht einseitigem, harten Shotokan Karate sind mir im Laufe der letzte Jahre die Techniken mehr und mehr kantig und abgehackt vorgekommen. Wie schon in den vorigen Teilen Karate Flow 1-3 beschrieben, lebt Karate von dem Wechsel zwischen hart und weich. Aus dem eigenen Karate heraus ist es schwierig, eine Änderung herbeizuführen, weshalb ich dann mit Taijiquan begonnen habe.

Erst nach einigen Jahre Taiji Praktikum konnte ich bestimmte Abläufe aus den Karate Kata richtig einordnen, mit erweiterter Erkenntnis über den Energiefluss im Körper und wie und warum Karate aus chinesischen Kampfkünsten entstanden ist.

Insbesondere beim langsameren Praktizieren der Karate Kata mit Fokus auf den Energiefluss bzw. Karate Flow eröffnen sich unzählige Parallelen der beiden Stile. Voraussetzung ist aber ein geistig offener Zugang mit dem Zulassen alternativer Anwendungs-Interpretationen und kein Festhalten an gelernten „Shotokan“-Dogmen.

Karate Flow – Gesundheitsmethode und spirituelle Wegkunst

Aufschlussreiche Hintergründe zum langen Entwicklungsprozess der Kampfkünste liefert ebenfalls das erwähnte Buch von Wolfgang Herbert. Als symbolischen Gründervater des Shaolin Kung-fu nennt er „Bodhidharma“, einen Mönch aus Südindien, welcher sich später im berühmten Shaolin Tempel in China niedergelassen und dort die Ausprägung des Zen-Buddhismus begründet hat.

Zur Bewältigung der Strapazen des langen Sitzens in der Mediation entwickelte Bodhidharma ein Gymnastikprogramm auf Basis der ihm bekannten indischen Kampf- (Kalarippayat) und Yoga-Übungen. Daraus entstand grob gesagt das Shaolin Kungfu als sogenannter „äußerer“ Kampfstil (hart, muskulär geprägt), wobei in weiterer Folge auch Karate daraus abzuleiten wäre.

Mit der Zeit vermischten sich diese Formen mit den in China schon lange praktizierten daoistischen Techniken des Qigong und Taijiquan, entwickelt zur Stimulierung der Vitalenergie, dem „ki“ – wobei dieser chinesische Begriff durchaus Gemeinsamkeiten mit dem „prana“ der Yoga-Praktiken aufweist. Diese Übungen sind weich und atmungsbetont, weshalb sie als innere Kampfstile bezeichnet werden. Idealerweise praktiziert man im Sinne der Polarität entsprechend dem Yin/Yang beide Stile, um mit Anspannung und Entspannung einen synergetischen Ausgleich zu schaffen.

Die hier sehr vereinfacht zusammengefassten Aspekte sind detailliert nachzulesen in Herberts „Von Shaolin bis Shotokan“.

Als Nebeneffekt der gesundheitlichen Aspekte dieser Übungen erkannten die Mönche auf ihren oft gefährlichen Pilgerreisen oder auch bei Überfällen auf ihre Tempel die Möglichkeit zur Selbstverteidigung. Man kann sagen, aus dem Einen (Gesundheit) folgt das Andere (Verteidigung) oder umgekehrt – schwer zu sagen, wo genau der Anfang zu finden ist, weil eben die Gesundheitsmethoden wiederum aus indischen Kampftechniken abgeleitet waren.

Herbert zitiert in seinem Buch den Shaolin Experten Shahar: „Die Kampfstile mit bloßen Händen, mit denen wir heutzutage vertraut sind, waren nicht in enger Weise auf die Kriegsführung hin ersonnen, sondern waren umfassend für Heilung und spirituelle Verwirklichung konzipiert worden…Das Resultat war eine Synthese aus Kämpfen, Heilen und religiöser Selbstkultivierung…“.

Ewiger Wandel zwischen Krieg und Frieden, Kampfes- oder Heilslehre

Zusammengefasst können wir festhalten, dass Kampfkünste seit Jahrtausenden zu unterschiedlichen Zwecken konzipiert und weiterentwickelt wurden.

Dabei unterliegen Kampflehren einerseits Modeerscheinungen und andererseits umstandsbedingten Notwendigkeiten.

Auch in Japan ist dieser Prozess bezüglich der Schwertkunst der Samurai zu beobachten. Aus Bu-jutsu, dem Kriegshandwerk, entstand in Friedenszeiten die Kriegsphilosophie des Bu-do, dem Weg des Kriegers; ebenso wie sich Ken-jutsu (Kunst des Schwertkampfes) zu Iai-do (Weg des Schwertziehens) entwickelte.

Im Kriegsfall zählt nur das physische Überleben – wenn dies nicht mehr das Hauptziel darstellt, ist der Weg frei für die geistigen Aspekte in der Kampfkunst.

Do/Der Weg steht hierbei für den Prozess des nie endenden Lernens, aber auch für die Persönlichkeitsentwicklung. Somit besteht ein Teil von Budo aus körperlicher Schulung und Kräftigung; ein anderer Teil wiederum aus der Entwicklung des Geistes zu innerer Harmonie und Ausgeglichenheit.

Die ursprüngliche Karate Reise hat also wahrscheinlich in Indien begonnen, einen langen Aufenthalt in China gemacht und über einen Abstecher nach Okinawa seinen Weg nach Japan gefunden.

Wie bei jeder langen Reise waren dabei Umwege, Hindernisse und Irrwege zu verzeichnen und wer weiß, wo die Reise noch hingehen wird.

Die einen sehen den Weg in wirkungsbetonten Wettkämpfen wie z.B. „Karate Combat“ in Anlehnung an MMA und als Gegensatz zum Sportkarate, wo das Regelwerk explizit auf größtmögliche Vermeidung von Verletzungen ausgelegt ist.

Bezüglich MMA vergessen aber viele Kritiker an „herkömmlichem“ Karate, dass man bei genauer Beobachtung sehr viele Kata Techniken erkennen kann, insbesondere im Infight mit Ellbogenschlägen, Körperhaken oder Würgegriffen. Kaum eine Technik wurde im MMA neu erfunden, sondern altes Wissen nur neu kombiniert und interpretiert.

Im Gegensatz zu Sportkarate und Karate Combat gib es als Gegenpol auch wieder eine Rückbesinnung auf alte bzw. uralte Wurzeln und sozusagen wird damit die oben beschriebene Reise rückwärts beschritten. Gesundheitliche Aspekte, Atemtechniken, Körperbeherrschung und Charakterschule treten damit wieder in den Vordergrund.

Z.B. unternimmt der bekannte JKA-Meister Naka Tatsuya Bildungsreisen nach Okinawa und zu anderen Destinationen („Great Journey of Karate“), um andere Karatestile, aber auch Taiji und Wushu zu studieren und damit den Ursprung von Karate zu analysieren.

Auch in meinem Bekanntenkreis finden sich etliche Karateka, die aus karate-historischem Interesse Trainingsreisen nach Okinawa oder China planen oder schon durchgeführt haben.

Nicht zu vergessen dabei der Aspekt der „Sinnsuche“ im Leben – besonders gut kämpfen zu können bedeutet noch lange nicht, dass dies auch den tieferen Sinn des Lebens darstellt. Vor allem, da mit zunehmendem Alter die athletisch-kämpferischen Fähigkeiten nachlassen. Gesundheit, Beweglichkeit, Energiefluss und Geistesschulung werden dann zunehmend wichtiger im Leben.

An Weiterentwicklung interessierte Karateka, die jahrelang durch die harte Schule der „externen“ Kampfkunst gegangen sind, aber in weiterer Folge vermehrt Ansprüche in Bezug auf körperliche und geistige Harmonie stellen, werden ihren Weg vielleicht mehrmals ändern müssen, so wie auch ein Fluss sich manchmal auf dem Weg ins Meer verzweigt.

Aber sprichwörtlich ist der Weg das Ziel; dem Fluss einfach weiter zu folgen, entweder durch eigenständige Arbeit am Karate Flow oder dem zusätzlichem Praktizieren von „internen“ Kampflehren wie eben Taji.

Am Ende steht das oberste Streben nach Losgelöstheit von starren Mustern und dem freien Fließen von Körper und Geist, nicht zum Kampfe sondern zur charakterlichen Vervollkommnung!

Und letztlich auch, um durch den ständigen Wechsel von Üben und Loslassen eine eigene Balance im Leben zu finden und das menschliche Potential so weit wie möglich ausschöpfen zu können!

„Empty your mind.
Be formless, shapeless, like water.
Water can flow, or it can crash.
Be water, my friend.“

(Bruce Lee)